Wendekreis des Krebses (1)

Aus diesem oder jenem Grunde sucht der  Mensch das Wunder, und um es herbeizuführen, watet er durch Blut. Er feiert Ideenorgien, würdigt sich zu einem Schatten herab, wenn er nur für einen Augenblick seines Lebens die Augen vor der Scheußlichkeit dieser Wirklichkeit verschließen kann. Alles - Schande, Erniedrigung, Armut, Krieg, Verbrechen, ennui - wird in dem Glauben ertragen, daß über Nacht etwas geschehen wird, ein Wunder, welches das Leben wieder erträglich werden läßt. [...] Die ganze Zeit ißt einer das Brot des Lebens und trinkt den Wein, eine schmutzige, fette Küchenschabe von einem Priester, der sich damit im Keller versteckt vollpraßt, während droben im Straßenlicht ein gespenstisches Meßopfer die Lippen berührt und das Blut blaß ist wie Wasser. Und aus der endlosen Qual und dem Elend kommt kein Wunder hervor, nicht einmal eine mikroskopische Andeutung von Erlösung. Nur Ideen, blasse, magere Ideen, die durch Blutvergießen gemästet werden müssen. [...]
(a.a.O., S.105)

Lit.:
Miller, H.: Wendekreis des Krebses. Reinbek 1979.

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